B41Volkstrauertag
Schiltach (ks). »Weil die Toten schweigen, beginnt immer
wieder alles von vorn«, zitierte Bürgermeister Thomas Haas den französischen
Philosophen Gabriel Marcel. Dem Volkstrauertag gaben Vertreter der Vereine,
Gruppen, Einrichtungen, Kirchen und der Gemeinde am Heldenkreuz ein Gesicht.
Rücken die Krisensituationen und die vielen Flüchtlinge
den Frieden in Deutschland in ein deutlicheres Licht? Die Zahl der Teilnehmer
an der Gedenkstätte war nicht gering. »Es sind noch einige unter uns, die den
Krieg oder die Nachkriegszeit erlebt haben und es freut mich daher umso mehr,
dass sich wieder zunehmend Angehörige der Nachkriegsgeneration am
Volkstrauertag beteiligen«, betonte Haas. Vor 100 Jahren brach der erste
Weltkrieg aus, der als Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts bezeichnet werde, so
Haas. Die Gründe dafür hätten 1914 auch diplomatisch gelöst werden können – hätte
man gewollt. Die militärischen Auseinandersetzungen bekamen eine neue Dimension,
17 Millionen Menschen starben. Nicht besser war die Nazi-Herrschaft und der dadurch
folgende zweite Weltkrieg. »Vor dem Hintergrund der beiden Weltkriege und dem
damit verbundenen Leid, kann man die Tatsache, dass wir hier in Deutschland und
in großen Teilen Mitteleuropas fast 70 Jahre in Frieden leben, gar nicht hoch
genug bewerten. Ich empfinde es als wirkliche Gnade, dass ich mein Leben in
solch einer Zeit verbringen darf«, erklärte Haas. Dieses Gefühl verstärke sich,
wenn man sich bewusst mache, dass es seit dem Ende des letzten Krieges nur
wenige Tage gab, an denen nicht an irgendeinem Ort auf der Welt Krieg geführt
wurde.
Mit großer Sorge verfolge man die Geschehnisse in der
Ukraine. »Das Machtgehabe und Säbelrasseln von Herrn Putin versetzt uns in
Gedanken zurück in den Kalten Krieg. Aber auch die von den USA begonnenen
Kriege dienten vor allem den strategischen und wirtschaftlichen Interessen der
Vereinigten Staaten von Amerika – und nur in kleinen Teilen der Menschlichkeit«,
kritisierte der Bürgermeister. Der Blick in die Welt zeige, dass man derzeit auf
einer »Insel der Glückseligen« lebe, doch diese sei nicht per se gesichert. Aber
aufgefordert sei man, für den Frieden im Großen und die Menschlichkeit im
Kleinen einzutreten. Diese Denkweise müsse im Bewusstsein verankert sein.
Die Stadt- und Feuerwehrkapelle begleitete den Weg mit dem
Anlass passenden Weisen.
Im ökumenischen Wechsel begleiten die Pfarrer die
Zeremonie am Volkstrauertag. In diesem Jahr war das der Part von Bernd Müller,
Pfarrer der katholischen Gemeinde. »Es ist ein unverdienter Vorzug, bei uns in
Deutschland ohne Angst vor dem Krieg ruhig schlafen zu dürfen und das nun schon
fast 70 Jahre lang. Wo ist das die Dankbarkeit?«, hinterfragte Müller kritisch.
»Wenn Flüchtlinge und Asylsuchende zu uns kommen, die Krieg und Verfolgung am
eigenen Leib verspürt haben – welch grobe und unbeherrschte Wort kann man da
hören?«, zeigte sich der Pfarrer alarmiert. Er klagte weiter Abtreibungen an
und stellte in Frage, müssten Hass und Krieg in Zukunft sein? »Wie kommt es,
dass nach den Erfahrungen der Vergangenheit und angesichts der aktuellen
minutiösen Übermittlung gewalttätiger Aktionen und kriegerischer
Auseinandersetzungen Protest nur sporadisch oder verhalten bleibt?«, tadelte
Müller. Seien wir nur noch »Menschen des Augenblicks« geworden?
Kleine Anekdote aufgeschnappt
Schiltach (ks). »Ich erinnere mich ganz noch gut. Ich war
ein kleines Mädchen, vielleicht drei Jahre alt, als ich fasziniert einen Jabo
(Jagdbomber) beobachtete. Den Piloten sah ich sogar ganz genau. Dann zog mich
meine Mutter schnell weg«, erzählte eine Zeitzeugin im Anschluss an die
Gedenken zum Volkstrauertag am Heldenkreuz. Erinnerungen an den jüngsten Krieg
wurden rege ausgetauscht, wobei die noch lebenden Zeitzeugen von damals meist Kinder
waren. Auch Georg Götz war noch ein Junge und arbeitete mit dem Vater auf einem
Stück Land. Er erinnerte sich: »Auf einmal kamen Jabos und kreisten dort. Der
Vater sagte, wir sollten verschwinden. Dann haben wir uns in den Beerenhecken
versteckt. Vermutlich sahen sie den Kamin an der Schlosshalde. Dort krachte es
dann auch«. Im Heubach stürzte ein Amerikaner Jagdbomber runter. Die Kinder
sammelten Ersatzteile ein – als Spielzeug.



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