Montag, 17. November 2014

17.11.2014 - Schiltach, Volkstrauertag

Originalfassung



B41Volkstrauertag

Schiltach (ks). »Weil die Toten schweigen, beginnt immer wieder alles von vorn«, zitierte Bürgermeister Thomas Haas den französischen Philosophen Gabriel Marcel. Dem Volkstrauertag gaben Vertreter der Vereine, Gruppen, Einrichtungen, Kirchen und der Gemeinde am Heldenkreuz ein Gesicht.

Rücken die Krisensituationen und die vielen Flüchtlinge den Frieden in Deutschland in ein deutlicheres Licht? Die Zahl der Teilnehmer an der Gedenkstätte war nicht gering. »Es sind noch einige unter uns, die den Krieg oder die Nachkriegszeit erlebt haben und es freut mich daher umso mehr, dass sich wieder zunehmend Angehörige der Nachkriegsgeneration am Volkstrauertag beteiligen«, betonte Haas. Vor 100 Jahren brach der erste Weltkrieg aus, der als Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts bezeichnet werde, so Haas. Die Gründe dafür hätten 1914 auch diplomatisch gelöst werden können – hätte man gewollt. Die militärischen Auseinandersetzungen bekamen eine neue Dimension, 17 Millionen Menschen starben. Nicht besser war die Nazi-Herrschaft und der dadurch folgende zweite Weltkrieg. »Vor dem Hintergrund der beiden Weltkriege und dem damit verbundenen Leid, kann man die Tatsache, dass wir hier in Deutschland und in großen Teilen Mitteleuropas fast 70 Jahre in Frieden leben, gar nicht hoch genug bewerten. Ich empfinde es als wirkliche Gnade, dass ich mein Leben in solch einer Zeit verbringen darf«, erklärte Haas. Dieses Gefühl verstärke sich, wenn man sich bewusst mache, dass es seit dem Ende des letzten Krieges nur wenige Tage gab, an denen nicht an irgendeinem Ort auf der Welt Krieg geführt wurde.
Mit großer Sorge verfolge man die Geschehnisse in der Ukraine. »Das Machtgehabe und Säbelrasseln von Herrn Putin versetzt uns in Gedanken zurück in den Kalten Krieg. Aber auch die von den USA begonnenen Kriege dienten vor allem den strategischen und wirtschaftlichen Interessen der Vereinigten Staaten von Amerika – und nur in kleinen Teilen der Menschlichkeit«, kritisierte der Bürgermeister. Der Blick in die Welt zeige, dass man derzeit auf einer »Insel der Glückseligen« lebe, doch diese sei nicht per se gesichert. Aber aufgefordert sei man, für den Frieden im Großen und die Menschlichkeit im Kleinen einzutreten. Diese Denkweise müsse im Bewusstsein verankert sein.
Die Stadt- und Feuerwehrkapelle begleitete den Weg mit dem Anlass passenden Weisen.
Im ökumenischen Wechsel begleiten die Pfarrer die Zeremonie am Volkstrauertag. In diesem Jahr war das der Part von Bernd Müller, Pfarrer der katholischen Gemeinde. »Es ist ein unverdienter Vorzug, bei uns in Deutschland ohne Angst vor dem Krieg ruhig schlafen zu dürfen und das nun schon fast 70 Jahre lang. Wo ist das die Dankbarkeit?«, hinterfragte Müller kritisch. »Wenn Flüchtlinge und Asylsuchende zu uns kommen, die Krieg und Verfolgung am eigenen Leib verspürt haben – welch grobe und unbeherrschte Wort kann man da hören?«, zeigte sich der Pfarrer alarmiert. Er klagte weiter Abtreibungen an und stellte in Frage, müssten Hass und Krieg in Zukunft sein? »Wie kommt es, dass nach den Erfahrungen der Vergangenheit und angesichts der aktuellen minutiösen Übermittlung gewalttätiger Aktionen und kriegerischer Auseinandersetzungen Protest nur sporadisch oder verhalten bleibt?«, tadelte Müller. Seien wir nur noch »Menschen des Augenblicks« geworden?    





Kleine Anekdote aufgeschnappt
Schiltach (ks). »Ich erinnere mich ganz noch gut. Ich war ein kleines Mädchen, vielleicht drei Jahre alt, als ich fasziniert einen Jabo (Jagdbomber) beobachtete. Den Piloten sah ich sogar ganz genau. Dann zog mich meine Mutter schnell weg«, erzählte eine Zeitzeugin im Anschluss an die Gedenken zum Volkstrauertag am Heldenkreuz. Erinnerungen an den jüngsten Krieg wurden rege ausgetauscht, wobei die noch lebenden Zeitzeugen von damals meist Kinder waren. Auch Georg Götz war noch ein Junge und arbeitete mit dem Vater auf einem Stück Land. Er erinnerte sich: »Auf einmal kamen Jabos und kreisten dort. Der Vater sagte, wir sollten verschwinden. Dann haben wir uns in den Beerenhecken versteckt. Vermutlich sahen sie den Kamin an der Schlosshalde. Dort krachte es dann auch«. Im Heubach stürzte ein Amerikaner Jagdbomber runter. Die Kinder sammelten Ersatzteile ein – als Spielzeug.


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